Stress im Winter

Stress im Winter

Bitterkalt war die Nacht, weit unter null Grad. Nun stehen die Pferde auf dem Winterpaddock und haben nichts zu fressen. Das ist Rudi nicht gewöhnt. Im alten Stall gab es immer Heu auf dem Paddock, und er stand dort auch nicht alleine, sondern mit einem Kumpel zusammen. Als seine Besitzerin mit ihm spazieren gehen will, reißt er sich einfach los, um auf einem Stück Wiese zu grasen. Dabei hat es lange gedauert, ihm diese Unart abzugewöhnen.

Janosch dagegen lässt kein anderes Pferd in seine Nähe, deshalb muss er alleine stehen. Gegenüber anderen Pferden, ob Stute oder Wallach, ist er so aggressiv, dass die Verletzungsgefahr zu groß ist. Mit der Zeit hat er autoaggressive Ticks entwickelt, so beißt er sich selbst mitunter in die Brust oder schlägt den Kopf an die Bande.

So unterschiedlich die beiden Pferde sind, haben sie doch eine Sache gemeinsam: ihr Problem ist Stress durch falsche Haltung. Zwei polnische Wissenschaftler haben das Aggressionsverhalten von Pferden untersucht, und dabei festgestellt, dass falsche Haltung der häufigste Grund für auffällige Aggression ist. Dazu gehören die Fütterung, das Platzangebot, der Kontakt zu anderen Pferden und weitere Aspekte.

Dominant oder aggressiv?

Wie aggressiv ein Pferd ist, hängt von verschiedenen Faktoren wie den Hormonen, den Genen, der Erziehung und auch der Ernährung ab. Aggression ist jedoch nicht mit Dominanz zu verwechseln. Dominante Pferde brauchen zwar eine gewisse Aggression, um sich anfangs durchzusetzen. Ist die Rangordnung aber geklärt, dann gibt es normalerweise wenig Streit, wenn die Herde gut zusammenpasst.

Manche Pferde sind jedoch nicht gut sozialisiert oder in der Ausbildung falsch behandelt worden. Wird ein von Natur aus sehr dominantes oder sehr ängstliches Pferd nicht tiergerecht gehalten und ausgebildet, dann kumulieren diese Faktoren zu einem gefährlichen Cocktail. Menschen haben also einen großen Einfluss, ob ein Pferd auffällig aggressiv wird oder nicht.

Dominante Pferde müssen von Beginn an lernen, den Menschen zu respektieren. Sie sollten mit Konsequenz erzogen und ausgebildet werden, nicht aber mit übertriebener Härte. Junge Pferde lernen in der Herde, ihre Grenzen gegenüber anderen Pferden auszutesten. Wenn man dies in den ersten Jahren versäumt, dann ist es in den folgenden „Flegeljahren“ sehr viel schwieriger, das Pferd noch zur Mitarbeit zu motivieren. Viele greifen dann zu harten Maßnahmen, um dem Pferd beizubringen, „wer der Chef ist“. Dadurch verlieren die Pferde allerdings das Vertrauen in den Menschen, und entwickeln Aggressionen gegen die unverständlichen Strafen und Befehle.

Was dabei herauskommt, sind entweder Pferde, die die Zusammenarbeit verweigern, indem sie bei Druck versuchen zu flüchten oder aggressiv und gefährlich werden wie Janosch. Bei Stress springt ein sehr altes Programm im Gehirn an, nämlich der „Flucht- oder Kampf-Modus“. Dominante Pferde werden unter Stress meistens den Kampf-Modus einschalten, gegenüber ihren Artgenossen und manchmal auch gegenüber Menschen.

Rudi ist kein sehr dominantes Pferd, bei Stress flieht er lieber. Stundenlang alleine ohne Heu auf dem Paddock ist für ihn nicht nur Stress, sondern nach ein paar Stunden bekommt er auch Magenschmerzen, da sich die Magensäure im leeren Magen sammelt. Man sieht es ihm an, denn er ist sehr schlecht gelaunt und hat ein Schmerzgesicht. Dass er endlich etwas zwischen die Zähne bekommen möchte, muss man daher verstehen. Rudis Verhalten ist daher weniger ein Erziehungsproblem, sondern eine Frage der richtigen Haltung.

Grundsätzlich ist es keine gute Idee, ein Pferd nach dem Stallwechsel zusätzlichem Stress auszusetzen, indem man es stundenlang ohne Futter stehen lässt. In manchen Ställen wird Heu stark rationiert, sodass die Pferde es gewöhnt sind, so kleine Portionen zu bekommen, dass sie nie satt werden. Haben sie dann Futter, fressen sie, so viel sie können, da sie ja befürchten müssen, bald wieder hungern zu müssen. Das führt dazu, dass sie ihr natürliches Sättigungsgefühl verlieren und viel zu dick werden. Denn da sie immer weiterfressen, verfetten sie irgendwann und leiden schließlich unter zahlreichen Krankheiten.

Viele Besitzer möchten, dass ihr Pferd 24 Stunden ans Heu darf. Das ist grundsätzlich auch nicht falsch, doch leider kommt es oft vor, dass Pferde aus Langeweile, Futterneid oder einfach Gewöhnung nicht aufhören zu fressen. Viele Pferde haben zu wenig Abwechslung, weil sie um die 20 Stunden lang in einer Box stehen und nichts anderes tun können als fressen. 

Für soziale Tiere wie Pferde ist es wichtig, dass sie mindestens ein paar Stunden täglich mit Artgenossen kommunizieren können, also spielen, Fellpflege machen oder sich gemeinsam bewegen. Auch im Offenstall sind die Bewegungs-möglichkeiten im Winter jedoch oft eingeschränkt. Stressreaktionen sind dann kaum zu vermeiden.

Pferden, die schon so aggressiv sind, dass sie alleine stehen müssen, kann man ihr Schicksal zumindest mit viel Platz, Licht und Beschäftigung erleichtern. Ansonsten sollte man einen professionellen Trainer um Rat fragen, der sich fundiert mit Pferdepsychologie auskennt, wie z. B. Wolfgang Marlie.

The Problem:

Link zum Artikel zum Aggressionsverhalten von Pferden: Wissenschafts­magazin „Journal of Interdisciplinary Research“

Der Fachmann:

Wolfgang Marlie hat in vielen Jahrzehnten seine einzigartigen Methoden zur Verständigung mit Pferden entwickelt. Er war Schüler von Egon von Neindorff und hatte Schülerinnen wie die Paralympicsreiterin Bettina Eistel und unterrichtet in Scharbeutz an der Ostsee. Kontakt: Reiterpension Marlie


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